- Durch häufigere und stärkere Starkregenereignisse steigt Wahrscheinlichkeit für gefährliche Hochwasser
- Ökologischer Hochwasserschutz: günstiger und effektiver
- Natürliche Auen können Wasser zurückhalten, Hochwasserspitzen abmildern und Wasser länger in der Landschaft speichern
- Netto-Neuversiegelung muss auf Null gesenkt werden
Berlin/Hamburg. Fünf Jahre nach der katastrophalen Flut im Ahrtal, zeigt eine neue Recherche des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): Zwar schützen die Hamburger Deiche zuverlässig vor Sturmfluten. Gleichzeitig sind in Hamburg 76 Prozent der natürlichen Überschwemmungsflächen der Elbe vom Wasser abgeschnitten. Die Zahl bezieht sich nicht auf einen historischen Zeitpunkt, sondern auf den vom Bundesamt für Naturschutz modellierten natürlichen Zustand ohne Deiche und andere technische Eingriffe.
Im Zuge der Klimakrise kann das gefährlich werden: Nordatlantik und Mittelmeer werden immer wärmer und wir müssen deshalb mit mehr Starkregenereignissen rechnen. Auch Hamburg ist davon betroffen. Die Starkregenereignisse der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass selbst eine Stadt mit gutem Sturmflutschutz gegenüber extremen Niederschlägen verwundbar ist.
Erstmalig liegt mit der BUND-Recherche ein Gesamtüberblick über den Verlust von Überschwemmungsflächen der 79 größten Flüsse in Deutschland und über die Investitionen in den Hochwasserschutz aller Bundesländer vor. Die Recherche deckt auf, dass zwischen 2014 und 2024 im Durchschnitt jährlich rund 301 Millionen Euro in Deiche und andere technische Maßnahmen flossen, aber nur rund sieben Millionen Euro in Deichrückverlegungen.
Für Hamburg weist die Recherche aus, dass 2024 keine GAK-Mittel (Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes) für ökologischen Hochwasserschutz oder Deichrückverlegungen bereitgestellt wurden.
Gisela Bertram, stellvertretende Vorsitzende des BUND Hamburg: „Was wir brauchen, ist mehr Raum für die Flüsse, Geld für die Wiederherstellung von Auen, ein Stopp bei der Flächenversiegelung und Investitionen in ökologischen Hochwasserschutz. Gerade Hamburg muss seinen guten Sturmflutschutz durch einen stärkeren natürlichen Hochwasserschutz ergänzen. Mehr Raum für die Elbe und ihre Auen hilft, Wasser zurückzuhalten und die Folgen extremer Wetterereignisse abzumildern.“
Auf früheren Überschwemmungsflächen sind heute: Landwirtschaft, Industrie und Siedlungen
Bundesweit ist nur etwa ein Prozent der heutigen Auen im Vergleich zu ihrem natürlichen Zustand kaum verändert. Das lässt sich an der Art der heutigen Nutzung ablesen: Auf 43 Prozent der Fläche der ehemaligen Auen ist heute Grünland, gefolgt von Ackerland mit 26 Prozent. Sieben Prozent dienen als Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbefläche, was mit hohen Versiegelungswerten einhergeht. Auf weniger als drei Prozent der rezenten (überflutbaren) Auen finden sich Feuchtgebiete und nasse Wiesen.
Zwar haben die heutigen Auen geringfügig an Fläche gewonnen, doch ihre Fähigkeit, Wasser zurückzuhalten, hat abgenommen, weil gleichzeitig mehr Flächen versiegelt wurden. Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) hat ermittelt, dass trotz Bebauungsverbotes in festgesetzten Überschwemmungsgebieten zwischen 2019 und 2023 der Anteil der bebauten Flächen in den rezenten Auen, bundesweit um 2,75 km² (0,04 Prozent) wuchs – das entspricht der Größe von rund 385 Fußballfeldern. Damit wurden die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, durch neue Flächenversiegelungen vernichtet.
Gisela Bertram: „Hamburg sollte den ökologischen Hochwasserschutz deutlich stärken und natürliche Überschwemmungsflächen konsequent sichern und entwickeln. Damit schützen wir uns wirksam vor Hochwasser, speichern Wasser für Trockenzeiten und stärken gleichzeitig die biologische Vielfalt.“
Wie sehr sich natürlicher Hochwasserschutz lohnt, zeigt die vom BUND mitgetragene Deichrückverlegung in der Lenzener Elbtalaue. Dort wurden rund 420 Hektar Auen wieder an die Elbe angeschlossen. Beim Elbehochwasser 2013 sank der Wasserstand lokal um bis zu 50 Zentimeter, selbst rund 25 Kilometer flussaufwärts war noch eine Absenkung von acht Zentimetern messbar. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial die Wiederherstellung natürlicher Auen für den Hochwasserschutz hat.
Die BUND-Recherche zeigt:
- Kommunen, Länder und Bundesregierung investieren vor allem in technischen Hochwasserschutz. Dieser ist teurer als ökologischer Hochwasserschutz, der richtig verstanden und umgesetzt Hochwasserkatastrophen vermeiden oder abschwächen kann und gleichzeitig der Natur und Umwelt hilft.
- In Deutschland haben Flüsse viel weniger Platz: Zwei Drittel der Altauen sind verloren. Dabei sind regelmäßig überschwemmte Auen regelrechte Hotspots der Artenvielfalt und Kohlenstoffspeicher.
- Die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, wurden durch neue Flächenversiegelungen vernichtet
BUND-Forderungen
- Priorität für den ökologischen Hochwasserschutz: Wasser zurückzuhalten, muss immer das bevorzugte Ziel sein!
- Flächenfraß stoppen: Die Netto-Neuversiegelung muss auf Null gesenkt werden; Neubau nur noch auf bereits versiegelten Flächen!
- Klimaschutz forcieren: Ausstoß von Treibhausgasen durch Ausstieg aus fossilen Energien reduzieren. Das macht extreme Wetterereignisse wie Starkregen seltener und schwächer
- Die EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur als Hebel nutzen: sie bietet die Möglichkeit, die Bewirtschaftung der Wassermengen zu unterstützen und die Widerstandsfähigkeit gegen Dürren und Hochwasser durch naturbasierte Lösungen zu verbessern. Gesunde Wälder, Moore und Auen können Wasser aufnehmen, für Dürrezeiten speichern und bei Hochwasser als Überschwemmungsflächen zur Verfügung stehen. Sie halten Wasser in der Landschaft. Die Wasser- und Klimaresilienz muss in den bis 2026 zu erstellenden nationalen Wiederherstellungsplänen vollständig berücksichtigt werden.
Hintergrund:
Eine Modellstudie des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel kommt zu dem Ergebnis, dass steigende Oberflächentemperaturen des Mittelmeers die Intensität von Extremniederschlägen in Mitteleuropa bei Vb-Wetterlagen verstärken können: Rising Mediterranean Sea Surface Temperatures Amplify Extreme Summer Precipitation in Central Europe - PMC. Aktuelle Abweichungen vom Mittelwerk der Temperatur an der Wasseroberfläche im Mittelmeer lassen sich in der Studie „Sub-regional Mediterranean sea indicators“ finden. Am 1. Juli 2026 meldeten das europäische Copernicus-Klimaprogramm und der Copernicus-Meeresdienst, dass die täglich gemessenen globalen Meeresoberflächentemperaturen die Rekorde für diese Jahreszeit brechen.
Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) gibt in einem Fachbeitrag zu Elbehochwassern die positive Wirkung der Deichrückverlegung Lenzen mit einer Wasserstandsabsenkung des Hochwasserscheitels während des Jahrhunderthochwassers 2013 flussaufwärts um bis zu 49 cm an. Selbst am 23 km entfernten Pegel in Wittenberge betrug die Wasserstandsabsenkung gemäß der Studie noch acht Zentimeter. Dadurch kann eine deutliche lokale Senkung des Hochwasserscheitels durch Deichrückverlegungen belegt werden.
Mehr Informationen:
- BUND-Recherche "Fünf Jahre nach der Ahrtalflut: So steht es um Deutschlands Hochwasserschutz – BUND-Recherche zu Schutz und Vorsorge vor Wetterextremen"
- Grafik-Angebot: Hier finden Sie alle Grafiken zum Verlust der Überschwemmungsflächen in Deutschland und den Investitionen in Hochwasserschutz, sowie Infografiken zu Hochwasser. Alle Grafiken sind unter Nennung der Quelle frei zur Verwendung: https://cloud.bund.net/s/mQkEg8yWfn2keZJ
- BUND zu Hochwasser
- Kontakt: Sascha Maier, BUND-Gewässerexperte, Tel.: +49 30 27586-532, Mobil: +49 170 571 96 89, sascha.maier(at)bund.net
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