Abpflastern-Erfahrung Lokstedt

Mut zur Entsiegelung

Ein Erfahrungsbericht aus Hamburg

Versiegelte Flächen prägen viele Hamburger Vorgärten, Einfahrten und Höfe – doch es geht auch anders! Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, Beton und Pflastersteine zu entfernen und stattdessen Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Regenwasser zu schaffen.
Eine von ihnen ist Susanne, die vor ihrer Haustür abgepflastert hat. Im Gespräch mit dem BUND Hamburg erzählt sie, wie sie zur Entsiegelung kam, was sich seitdem verändert hat – und warum sie heute glücklicher ist.

Wie kam es dazu, dass du dich mit dem Thema Entsiegelung beschäftigt hast?

Susanne wurde durch die Zukunftswerkstatt Lokstedt auf das Thema aufmerksam. Dort brachte Claudia die Idee als mögliches Projekt ein. Die Zukunftswerkstatt ist eine Bürgerinitiative, die sich für eine lebenswertere Gestaltung des Stadtteils engagiert. Da bereits eine Grünpatenschafts-Community in der Grelckstraße existierte, entstand schnell ein konkreter Bezug zur Praxis.

Ein entscheidender Impuls kam von einem Freund. Als er vor ihrer Haustür stand und von dem Projekt erfuhr, sagte er: „Warum machst du das nicht einfach hier?“ Susanne war zunächst unsicher, ob die Fläche öffentlich oder privat war. Nach Rücksprache mit der Hausverwaltung stellte sich heraus: Es war das Grundstück ihrer Eigentümergemeinschaft. Damit war der Weg frei – und die Motivation groß.

Wie sah die Fläche vor deiner Haustür ursprünglich aus – und was hat dich daran gestört?

Die Fläche war ein schmaler, gepflasterter Gehwegstreifen. Rechts parkten Autos dicht an dicht – mit Genehmigung auf dem Gehweg – und strahlten im Sommer große Hitze ab. Links verlief eine Mauer mit aufgesetzter Hecke. Für Insekten war die Umgebung wenig attraktiv: Die Hecke bot kaum Nahrung, und es fehlte an Blühflächen.

Zudem lag unter der Fläche die Tiefgarage, sodass nur etwa zehn Zentimeter Erde zur Verfügung standen. Trotzdem war Susanne überzeugt: Hier muss sich etwas ändern. Sie wollte einen Ort schaffen, der nicht nur optisch schöner ist, sondern auch ökologisch wertvoll – mit Platz für Insekten und mehr Vielfalt.

Wie bist du bei der Entsiegelung vorgegangen? Hast du dir Hilfe geholt oder alles selbst gemacht? Gab es Herausforderungen oder Überraschungen während des Projekts?

Zunächst holte Susanne die Zustimmung ihrer Miteigentümer ein. Alle waren begeistert und unterstützten das Vorhaben. Da es sich um halbe Pflastersteine handelte, konnte sie die Arbeit allein bewältigen. Sie entfernte die Steine, pflanzte Ableger aus ihrem Garten und kümmerte sich intensiv um die Pflege – insbesondere in der Anfangszeit mit regelmäßigem Gießen.

Eine besondere Herausforderung war der Hundeurin: Die Fläche war zuvor eine „Pinkelwand“. Susanne recherchierte und setzte Duftstoffe wie Lavendelöl, Geranium und Sandelholz ein, um Hunde fernzuhalten – mit Erfolg.

Es gab auch unerwartete Rückschläge: Ein Gärtnertrupp schnitt versehentlich ihre Hecke mit und beschädigte dabei die Pflanzen. Der Betrieb entschuldigte sich und stellte Ersatzpflanzen. Besucher des Hauses stellten ihre Fahrräder mitten in die Blumen – darunter sogar Gärtner*innen. Auch hier musste Susanne auf die Schutzbedürftigkeit der Pflanzen hinweisen und für ihre Fläche eintreten.

Die entfernten Pflastersteine lagert sie im Garten und überlegt, sie später für Beeteinfassungen oder Insektentürme zu verwenden.

Was hat sich seit der Entsiegelung verändert – für dich und deine Nachbarschaft? Wie reagieren Nachbarinnen oder Passantinnen auf die Veränderung?

Die Fläche hat sich stark verändert: Sie blüht üppig, bietet Lebensraum für Insekten und ist ein echter Hingucker. Susanne wird regelmäßig angesprochen – besonders, wenn sie Pflanzennamen mit Kreide auf die Steine schreibt. Viele Nachbar*innen haben durch sie gelernt, Wildpflanzen zu erkennen und wertzuschätzen. Früher galt vieles als „Unkraut“, heute wird es als wertvolle Blühpflanze erkannt.

Die Fläche wird mittlerweile von der Nachbarschaft verteidigt. Einige sprechen Hundebesitzer*innen direkt an, andere erzählen begeistert weiter, was sie gelernt haben. Die Fläche hat das Bewusstsein für Natur und Biodiversität im Quartier gestärkt – und verbindet die Menschen.

Was würdest du anderen Hamburger*innen sagen, die überlegen, selbst abzupflastern? Hast du praktische Tipps oder Empfehlungen für den Einstieg?

Susannes Rat: Mit offenem Blick über das eigene Grundstück gehen und sich fragen, ob wirklich alles versiegelt sein muss. Sie empfiehlt, sich vorzustellen, wie eine Staudenfläche aussehen könnte – mit Schmetterlingen statt Waschbeton. Wer Sitzflächen braucht, sollte über Teilentsiegelung mit durchlässigen Materialien wie Holzbohlen nachdenken.

Wichtig ist auch, mit der Hausgemeinschaft und ggf. dem Bezirksamt zu sprechen, um rechtliche Fragen zu klären. Und: Nicht entmutigen lassen – auch kleine Flächen können große Wirkung haben.

Was bedeutet dir deine entsiegelte Fläche heute? Gibt es schon neue Ideen oder Pläne für weitere Abpflaster-Projekte?

Für Susanne ist die Fläche ein persönliches Forschungslabor. Sie beobachtet, welche Pflanzen mit wenig Erde auskommen und welche robust sind. Dieses Wissen nutzt sie für weitere Flächen. Sie betreut bereits mehrere Patenschaftsflächen, einen Schulgarten, den Behrmannplatz, die Staudenfläche an der U-Bahnstation Hagenbeck, ihren eigenen Garten und Balkon.

Aktuell plant sie, rund um eine Baumscheibe weitere 20 - 30 Quadratmeter zu entsiegeln. Sie hat bereits Kontakt zum Bezirksamt aufgenommen und ist optimistisch, dass auch dieses Projekt gelingt. Ihre Motivation ist ungebrochen – und die Ideen gehen ihr nicht aus, wenn es um die Unterstützung der Biodiversität in ihrer Umgebung geht.

Dieses Projekt wird unterstützt von

Fragen?

Katharina Thelosen

Flächenschutzreferentin
E-Mail schreiben Tel.: 040 600 387 17

Material

  • Flyer mit Kurzfassung des Interviews
  • Flyer zu Vorteilen von Entsiegelung
  • Weitere Infos auf unserer Webseite

BUND-Bestellkorb